Ikea Hieroglyphics
Ikea HieroglyphicsFoto-Quelle: http://www.flickr.com/photos/saaby/2504703851/

Wer liest schon Gebrauchsanweisungen?

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Die meisten Menschen glauben, Bedienungsanleitungen sind nur etwas für Dummies. Auch ich persönlich stehe auf dem Standpunkt: Wenn ich darüber nachdenken muss, wie ein Gerät funktioniert, hat der Hersteller versagt. Normalerweise sollte sich nämlich die Funktionsweise alleine dadurch erschließen, indem man das Ding lange genug anstarrt. Sollte das nicht der Fall sein, liegt es am Gerät - nicht an mir.

Die einfachsten Dinge sind ohnehin die besten, denn das Leben ist schon hart genug. Deswegen braucht auch niemand Produkte, die es noch komplizierter machen. Wo ist sie also, die viel gepriesene „intuitive Benutzerführung“? Zumal das Lesen von Gebrauchsanweisungen selten ein Vergnügen ist und die Angelegenheit in der Regel nur noch mehr verkompliziert.

In der Anleitung zum Verfassen von Gebrauchsanweisungen heißt es zwar so schön: „Wenn der Redakteur Techniker ist, muss er sich bewusst sein, dass sein Zielpublikum in einer anderen Welt lebt“, doch Techniker lesen offenbar keine Anleitungen. Denn die meisten Manuals müssten nach der Genfer Konvention verboten werden, da sie den Tatbestand der psychischen Folter erfüllen. Wir haben die Ware schließlich erworben, um Spaß daran zu haben und nicht, um uns durch 300 umständlich verschnörkelte Seiten hindurch zu quälen, die von einem chinesischen Techniker verfasst und per Google in gruseliges Klümpchendeutsch übersetzt wurden.

Fluchst du noch oder lebst du schon?
Händler allerdings wissen: Wenn der Kunde die Gebrauchsanweisung vor sich liegen hat, hat er das Produkt bereits gekauft. Er wird also wohl oder übel selbst einen Weg finden müssen, sich mit dem erworbenen Gegenstand vertraut zu machen. Wenn es sich dabei um ein Möbelstück handelt, kann es mitunter durchaus Sinn machen, die überwiegend ziemlich idiotensicheren Montageanleitungen zu Rate zu ziehen. Eingefleischte IKEA-Profis hüten die Beipackzettel wie einen Goldschatz, denn bei einem Umzug kann sich der Verlust als ziemlich fatal erweisen. Aber zum Glück gibt es ja jetzt auch die IKEA-App mit Montageanleitungen fürs Smartphone…

Bin ich schon drin?
Die bewährteste Methode bei den allermeisten Gegenständen ist jedoch nach wie vor: Learning by Doing nach dem bewährten Prinzip „Versuch und Irrtum“. Also einfach so lange auf dem Gerät herumtippen, bis sich die gewünschte Funktion einstellt. Normalerweise möchte man ja zum Beispiel mit einem Smartphone nur telefonieren, vielleicht ein paar Adressen abspeichern, die Kalenderfunktion nutzen und googeln. Wozu also die Gebrauchsanweisung lesen. Und ein minderjähriger Technikfreak, der einen versiert in die wichtigsten Kunstgriffe einführt, findet sich eigentlich immer und überall.

Bei Smartphones schenken sich die Hersteller heutzutage sogar die Gebrauchsanweisung. Die findet der Nutzer bestenfalls im Internet. Nun gibt es allerdings fortgeschrittene Anwender, die blutige Anfänger gerne mit ihrem umfangreichen Technik-Wissen beeindrucken. Zum Beispiel, indem sie die absurdesten Anwendungen vorführen, die sowieso keiner braucht, und dabei das Gerät demonstrativ auf chinesische Sprachsteuerung umstellen. Um dann peinlich betreten festzustellen, dass auch ihrer eigenen Intuition aufgrund vollkommener Unkenntnis der kryptischen Schriftzeichen auf dem Display gewisse Grenzen gesetzt sind…

Wo ist denn nun der Knopf?
Otto Normalanwender nutzt ohnehin nur die Standardfunktionen: Einschalten, Programm wählen, ausschalten. Das funktioniert bei Geschirrspülmaschinen, Fernsehern und Autos. Wer braucht schon Feintuning oder so überflüssige Dinge wie Konfiguration. Die meisten Funktionen wollen wir doch gar nicht so genau wissen. Im Gegenteil: Wir würden uns sehr über Geräte freuen, die tatsächlich ohne Gebrauchsanweisung auskommen. Denn die lesen wir doch meistens überhaupt erst dann, wenn wir glauben, dass das Ding etwas können sollte, wofür wir den Knopf noch nicht gefunden haben.

Typisch männlich – typisch weiblich?
Gibt es eigentlich typisch männliche und weibliche Herangehensweisen? Nein. Allerdings können Defizite bei der intuitiven Benutzerführung zu echten Beziehungskrisen führen: Er drückt wild auf dem Ding herum, sie liest die Anleitung. Er kommt nicht in angemessener Zeit zu einem zufriedenstellenden Ergebnis, sie präsentiert souverän die Lösung des Problems. Er ist frustriert, weil in seinem Ehrgeiz ausgebremst und zieht sich mit dem Gerät in ein anderes Zimmer zurück. Nun ist sie ebenfalls frustriert. Und wieder hat der Hersteller versagt…