Briefmarke der Deutschen Post AG aus dem Jahre 2002, 250. Geburtstag von Ado ...
Briefmarke der Deutschen Post AG aus dem Jahre 2002, 250. Geburtstag von Adolph Freiherr KniggeFoto-Quelle: Deutsche Post AG

Der gute alte Knigge - gelten im Internet andere Regeln?

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Neue Medien eröffnen neue Möglichkeiten. Viele davon bereichern unseren Alltag – einige sind mehr als fragwürdig. So war zum Beispiel bis vor kurzem noch vollkommen undenkbar, was heute an der Tagesordnung ist, nämlich dass jemand auf die Idee kommen könnte, eine Beziehung per SMS zu beenden. Noch erstaunlicher ist allerdings die Tatsache, dass die deutsche Knigge-Gesellschaft darin keinen Verstoß gegen die guten Umgangsformen sieht: Schluss machen per SMS, so die Hüter der Etikette, sei kein Zeichen schlechter Manieren, sondern einfach zeitgemäß.

Respekt ist keine Modeerscheinung
Kann sich guter Stil tatsächlich mit dem Zeitgeist ändern? Adolf Freiherr Knigge würde sich vermutlich im Grabe herum drehen. Ihm ging es nicht um Benimm bei Tisch oder das korrekte Outfit für jeden Anlass, sondern um den respektvollen Umgang von Menschen untereinander. Respekt, Wertschätzung, Taktgefühl und Höflichkeit sind aber nun einmal zeitlos. Sie wandeln sich nicht in Abhängigkeit von Moden oder technischen Neuerungen.

Neue Medien – neue Umgangsformen?
Letztlich gelten im Internet die gleichen Regeln für den Umgang mit anderen Menschen wie auf der Straße, im Büro oder im Café. Wenn Sie im realen Leben einen Raum betreten, werden Sie zunächst höflich grüßen. Sie würden wohl kaum im Wartezimmer beim Arzt oder beim Friseur fragen, ob die anderen Anwesenden Ihre Freunde sein wollen oder Ihnen ungefragt erotische Selfies zeigen. Und Sie werden vermutlich auch keine intimen Details über Ihr Privatleben verbreiten, sich nicht in Gespräche Ihrer Sitznachbarn einmischen oder gar laut herumschreien.

Wie kommt es also, dass viele glauben, das Internet setze die üblichen Regeln im Umgang miteinander außer Kraft? Man kann das Netz vielleicht ein bisschen mit dem Straßenverkehr vergleichen: Ein Schutzwall aus Blech führt dazu, dass die anderen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden. Die Kommunikation erfolgt weitgehend anonym und nicht selten setzt sich das Recht des (vermeintlich) Stärkeren durch.

Neue Lockerheit oder einfach nur schlechte Manieren?
Soziale Netzwerke waren lange eine Domäne der Jugendkultur. Insofern haben sich dort einige Regeln etabliert, die unsere gewohnten Vorstellungen von einem respektvollen Umgang konterkarieren. Nun genießen gerade junge Menschen zumindest für geraume Zeit das Privileg, über die Stränge schlagen zu dürfen, aber auch von ihnen wird spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben erwartet, dass sie den Knigge beherrschen.

Es gibt also keinen wirklich guten Grund, schlechte Manieren unreflektiert zu übernehmen, indem man sich dem „lockeren“ Stil, der im Internet vorherrscht, einfach anpasst. Im Gegenteil – gerade weil wir mehr Lebenserfahrung mitbringen, sollten wir auch mit gutem Beispiel voran gehen und neben guten Umgangsformen die wohl wichtigste Regel im Internet immer beherzigen:

Vergessen Sie niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!