Jaron Lanier.
Jaron Lanier.Foto-Quelle: Luca Vanzella (Creative Commons, http://creativecommons.org/licenses). Bild: http://www.flickr.com/photos/vanz/144476323/in/set-72057594131744996/

Friedenspreis für Jaron Lanier: Schuldet Google uns allen Geld?

News Team
Beitrag von News Team

"Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt." Das ist eine der Thesen von Jaron Lanier, dem frischgebackenen Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandles. Der Informatiker und Vordenker ist einer der schärfsten Kritiker der Umsonstkultur im Internet. Und nicht nur das: Seine steilen Thesen bemängeln vieles, was für uns heute im Netz selbstverständlich ist.

Wir suchen bei Google, wir melden uns bei Facebook an, schauen Videos bei YouTube und lesen Nachrichten – alles, ohne dafür etwas zu bezahlen. Das ist das Geschäftsmodell vieler Internetunternehmen. Wir nutzen sie gratis, dafür sammeln die Konzerne unsere Daten, um uns etwa passende Werbung anzuzeigen. Tatsächlich aber bezahlen wir also mit unseren persönlichen Daten. Da ist es nur konsequent, dass der Autor kein einziges soziales Netzwerk nutzt, er betreibt lediglich seine Homepage.

Jeder Nutzer soll Geld für seine Daten bekommen


Um einen Ausgleich zu schaffen, fordert Lanier ein neues Vergütungsmodell im Internet. Allen Menschen, die ihre privaten Daten im Netz zur Verfügung stellen, soll ein kleiner Geldbetrag gezahlt werden. Und zwar jedes Mal, wenn ihre Daten aufgerufen oder genutzt werden. Diese Forderung stellt er auch in seinem aktuellen Buch „Wem gehört die Zukunft" (Hoffmann und Campe).

Doch für diese Idee bekommt der Amerikaner viel Gegenwind. Der Soziologe Byung-Chul Han schrieb in der Wochenzeitung „Der Freitag“, die „abstruse Idee der Mikrozahlung“ würde zu „einer totalen Ökonomisierung des Lebens, zu einer totalen Unterjochung der Kommunikation unter das Kapital führen.“

„Appell gegen Missbrauch und Überwachung im Netz“


Jaron Lanier ist einer der Pioniere des Internets. Der Informatiker, Autor, Unternehmer, Künstler und Musiker hat Mitte der 1980er-Jahre den Begriff der „virtuellen Realität“ geprägt. Er glaubte damals, dass wir bald mit Hilfe von Datenbrillen und Datenhandschuhen in künstliche Welten abtauchen würden. Das waren damals revolutionäre Ideen – die sich allerdings bis heute nicht durchgesetzt haben. Lanier betrieb bis Anfang der 1990er-Jahre eine Firma, die sich mit Virtual-Reality-Anwendungen beschäftigte, und arbeite beim Computerspielehersteller Atari.

Die Jury des Deutschen Buchhandels begründet die Auszeichnung damit, dass Lanier eindringlich auf die Risiken der digitalen Welt für die freie Lebensgestaltung Einzelner hinweise. Sein Werk sei ein Appell gegen Missbrauch und Überwachung im Netz und betone die Rechte des Individuums.

Mit dem Friedenspreis ehrt der Deutsche Buchhandel seit 1950 Menschen, die sich für Völkerverständigung und Menschlichkeit einsetzen. Verliehen wird der mit 25.000 Euro dotierte Preis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Er gilt als eine der höchsten Auszeichnungen in Deutschland.

Eine große Gefahr: Facebook


Es ist fast schon paradox, in welcher Form der Internetpionier das Netz kritisiert. Bei der Preisverleihung in Frankfurt sagte Lanier: „Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornographie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internet – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Plattform für Kommunikation werden darf."

Gerade Facebook ist für ihn eine große Gefahr: Es sei das „erste große öffentliche Unternehmen dieser Art, das von einem einzigen sterblichen Individuum kontrolliert wird“, sagte er in seiner Rede. „Facebook steuert heute zum großen Teil die Muster sozialer Verbindungen in der ganzen Welt. Doch wer wird seine Macht erben? Steckt in diesem Dilemma nicht eine neue Art von Gefahr?“

Wikipedia und die Durchschnittsmeinung


Aber Lanier kritisiert nicht nur die großen Konzerne, sondern auch Errungenschaften des Internets, die gerade nichts mit Unternehmen zu tun haben. Die Schwarmintelligenz etwa hält er für wenig sinnvoll. Eine Online-Enzyklopädie wie Wikipedia, bei der jeder Interessierte sein Wissen beitragen und teilen kann, verbreitet laut Lanier keine Wahrheiten. Stattdessen ginge es nur um die Durchschnittsmeinung einer anonymen Masse. Den Glauben, dass nur das Kollektiv wichtig sei und nicht mehr der einzelne Mensch, nennt Lanier „digitalen Maoismus“.

Auch Open-Source-Programme zerpflückt der Autor in der Luft. Das sind Programme, die von jedem Nutzer weiterentwickelt werden können. Der Quelltext ist öffentlich einsehbar. Jeder kann die Software außerdem nutzen, um etwas eigenes daraus zu basteln. Meist sind die Programme für die Nutzer kostenlos. Bekannte Open-Source-Programm sind etwa der Browser Firefox oder das Betriebssystem Linux. Für Lanier aber gehört auch Open Source zum „digitalen Maoismus“. Die intellektuelle Produktion werde ausgebeutet, die Idee zerstöre die Möglichkeiten der Mittelklasse, die Produktion von Inhalten zu finanzieren.

Was haltet Ihr von den Thesen von Jaron Lanier? Hat er Recht?