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Mein Wort zum Sonntag: Hat der Mensch einen freien Willen?

Von News Team - Sonntag, 29.11.2015 - 00:49 Uhr

Die Frage nach der Willensfreiheit hat viele Dimensionen, darunter eine moralische, eine theologische und eine wissenschaftliche. Fangen wir mit der wissenschaftlichen an. Die besagt sehr einfach: Es gibt keinen Freien Willen. Der Neurophysiologe Benjamin Libet stellte in den 1950igerjahren bei seinen Untersuchungen an Epileptikern fest: Wenn jemand den Entschluss fasst, den kleinen Finger zu krümmen - also willentlich etwas zu tun - , dann wird das Gehirn schon lange vorher aktiv. Die Handlung geschieht unbewusst, bis zu 1½ Sekunden, bevor sie von irgendwelchen "Agenten" dem Bewusstsein gemeldet wird, und der Mensch hat dann das Gefühl, er hätte die Handlung absichtlich vollführt. Mehr noch: Diese "Agenten" verlagern das Bewusstwerden der Entscheidung um genau diese 1½ Sekunden in die Vergangenheit, sodass der Mensch doppelt getäuscht wird: Er glaubt, tatsächlich frei entschieden zu haben, dabei hat sich alles völlig unbewusst ergeben. Mit anderen Worten: Der freie Wille ist eine Täuschung. Allenfalls kann der Mensch noch innerhalb sehr kurzer Zeit eine Handlung bewusst verhindern. Bewusst setzen kann er sie nicht.

Der freie Wille - eine Illusion?

In der Nachfolge der Libet-Experimente führte eine Gruppe um Alvaro Pascual-Leone 1992 ein Experiment durch, bei dem die Probanden gebeten wurden, zufällig die rechte oder die linke Hand zu bewegen. Er fand heraus, dass durch die Stimulation der verschiedenen Hirnhälften mittels magnetischer Felder die Wahl der Person stark beeinflusst werden konnte. Normalerweise wählen Rechtshänder die rechte Hand in ca. 60 % aller Fälle. Wurde jedoch die rechte Hirnhälfte stimuliert, wurde die linke Hand in 80 % aller Fälle ausgewählt. (Die rechte Hemisphäre des Hirns ist im Wesentlichen für die linke Körperhälfte zuständig und umgekehrt). Trotz dieses nachweislichen Einflusses von außen berichteten die Probanden weiterhin, dass sie der Überzeugung waren, die Wahl frei getroffen zu haben.
Und warum werden wir - von irgendjemand - so getäuscht? Die Antwort gibt die Evolutionslehre. Alles an einem Lebewesen ist im Hinblick auf Überleben optimiert. So liegt die Aufgabe des Gehirns nicht darin, uns ein korrektes Bild der Aussen- oder der Innenwelt zu liefern. Die Aufgabe des Gehirns ist es, unser Überleben zu sichern. Und wenn Illusionen dazu beitragen, dann eben auf diese Art.

Wer ist verantwortlich für unsere Handlungen?

Heißt das nun, wir sind für nichts verantwortlich, weil unser Unterbewusstsein alles steuert? Keineswegs. Erstens ist es mein Unterbewusstsein, also ein wesentlicher Teil von mir, der durch meine Erfahrungen, Moralvorstellungen, frühere Handlungen und jetzige Überlegungen wesentlich geformt und beeinflusst wird. Zweitens ist das das Krümmen eines Fingers nicht gerade das beste Beispiel für die Ausübung komplexer freier Entscheidungen (außer, der Finger liegt am Abzug einer entsicherten Pistole). Immerhin hat sich der Proband freiwillig für den Versuch gemeldet, eine wesentlich komplexere Entscheidung als die einfache körperliche Handlung. Und drittens heißt das noch lange nicht, dass wir nichts tun und alles geschehen lassen sollen. Der bewusste freie Wille ist zwar eine Täuschung. Das Gehirn aber produziert durchaus mehrere Varianten von Handlungen und wählt dann sozusagen selbständig, also unbewusst, eine davon aus. Irgendwo tief in uns sitzt sehr wohl eine Freiheit, wir können sie nur nicht so handhaben wie wir wollen.
Das Wissen um die Täuschung unseres Bewusstseins entbindet uns nicht von der Verantwortung für unsere Handlungen. Denn selbst wenn unser Bewusstsein nicht in dem Maß beteiligt ist, wie wir bisher glaubten - das Unbewusste können wir durchaus beeinflussen, und "böse" Handlungen sehr wohl verhindern. Es liegt an uns!
Nächstes Mal: Was sagen die Religionen dazu?

4 Kommentare

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Interessante philosophische Gedankengänge. Aber leider machen sich die Wenigsten Gedanken über diesen Sachverhalt.
Ja, leider ist das so, und Besserung ist nicht in Sicht...
Sie machen sich sehr viel Mühe und 'opfern' viel Zeit, um Ihr Gedankengänge hier in Worte zu fassen. Natürlich ist der Gedanke hinsichtlich des 'freien Willens' eine schöne Sache, funktioniert aber nur, solange man gesund und einigermaßen leistungsfähig ist. Ich selbst bin schwer krebskrank und muss leider mit einigen Begrenzungen meines 'freien Willens' zurechtkommen.
hallo guten Morgen, ich hab meinen Beitrag wieder gelöscht da er hier wohl doch nicht so passend war. Meine Zeit hab ich da eigentlich nicht geopfert, sondern ich war in einem Schichtrythmus der mich nachts wach gehalten hat und wenn ich schreibe werde ich dann auch irgenwann müde, jedoch hab ich mir darüber Gedanken gemacht weil ich auf das Thema gestoßen bin und damit meine Erfahrungen habe. ich wünsche Ihnen viel Kraft und alles Gute! LG
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