Einfach gute Texte schreiben
Einfach gute Texte schreibenFoto-Quelle: www.bildbiographien.de

Einfach gute Texte schreiben

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert

Mögt Ihr Wörter wie “Gefährdungspotenzial”, “Befindlichkeitsstörungen” oder “Motivationsstruktur”? Nein? Eure Leser auch nicht. Lasst lieber die Finger von Worthülsen, nennt “Gefährdungspotenzial” einfach Gefahr und schreibt erstmal so, wie Euch der Schnabel gewachsen ist. Hübsch machen kann man hinterher immer noch …

Es wird unendlich viel mehr geschrieben als gelesen” , schreibt der „Sprachpapst“, Stilkritiker und langjährige Leiter der Hamburger Journalistenschule, Wolf Schneider.

Weshalb wir so viel Schreiben und so wenig lesen?
Vielleicht liegt es an der fehlenden Qual … ität.

Qualität kommt von Qual


Fauler, dümmer oder bequemer sind heutige Leser im Vergleich zu früheren nicht; aber anspruchsvoller und ungeduldiger.
Die Zeit ist knapp, das Angebot groß und mit einem Klick lassen sich Informationen und/oder Unterhaltung auch anderswo finden.

Quälen sollte man seine Leser deshalb definitiv nicht.
Denn auch spannende Themen fallen durch, wenn Texte keinen Bezug zu Leserbedürfnissen herstellen können.

Leserbedürfnisse? Sicherheit, Ansehen, Neugier, Gewinn, Gesundheit, Selbstverwirklichung, Bequemlichkeit und Geselligkeit/Dazugehören sind die Themen, die Menschen interessieren, und die sie dazu bringen, weiterzulesen oder etwas zu kaufen.

Autoren, die gerne gelesen werden, kennen nicht nur ihr Thema in- und auswendig, sondern auch ihre Leser.

Erfolgreicher schreiben durch …


1) Anfangen: Nichts ist schlimmer als ein weißes Blatt Papier oder ein geduldig blinkender Cursor auf leerem Bildschirm. Diesen Moment hassen alle, auch die Autoren, die schon mehrere Bestseller veröffentlicht haben.
Abwarten, Tee trinken und hoffen, dass die Muse irgendwann küsst? Nein. Küchenwecker stellen (Schreibzeit begrenzen!), Tür zu, Handy aus und schriftlich mit dem Sammeln von Gedanken beginnen.br

Frei nach dem Motto: Nichts muss, alles kann. Schreibt Euch locker, sortieren kann man später immer noch.

Extra-Tipp: Wenn es mit dem Schreiben überhaupt nicht klappt, dann lest Euch warm. Am besten mit einem Ihrer Lieblingsautoren passend zum Thema.br

2) Struktur & roter Faden: Plötzlich ist man im Flow und aus den Gedanken für einen kurzen Text ist die Materialsammlung für mindestens ein Buch geworden.
Auch wenn’s jetzt wehtut: streichen und kürzen! Bleibt beim Thema, Struktur ist besser als ausufern. Sucht Euch die Aspekte heraus, über die Ihr schreiben möchtet, und sortiert sie zu einem roten Faden. Alles andere bleibt erstmal in der Kladde.

3) Leser sind egoistisch: Eingangs schon erwähnt, aber man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Ihre Leser sind Egoisten. Sie lesen nur das, was SIE interessiert und weiterbringt.

Gute Texte nehmen ihre Leser gleich am Anfang an die Hand und lassen sie nicht mehr los. Was brennt Ihren Lesern unter den Nägeln, für welches Problem suchen sie eine Lösung, welche Fragen möchten sie beantwortet haben? Beschreiben Sie die Schwierigkeiten und unbeantworteten Fragen, die Ihre Leser haben, und zeigen Sie Verständnis für die Probleme und Hürden, die sie von einer Lösung abhalten — und das am besten mit konkreten Beispielen.
Wer sich verstanden fühlt, fühlt sich wohl und bleibt.

Arbeitet Euch langsam vom Bekannten zum Unbekannten vor. Je komplizierter Euer Thema ist, desto mehr Struktur braucht er. Zum Schluss präsentiert Ihr dann, je nach Textart, den krönenden Abschluss, die Antwort auf alle Fragen — oder den Cliffhanger für die Fortsetzung der Geschichte.

Gute Texte sind Texte, die Lesern “etwas bringen”.

4) Die eigene Schreibstimme finden: Eure Leser sind noch viel egoistischer als Ihr glaubt. Sie wollen nicht nur bei einem Thema abgeholt werden, sondern möchten einen Text auch noch fühlen.
Wie das geht? Ganz einfach — liefert Stoff für’s Kopfkino. Schreibtnicht über einen Mann, der mit seinem Hund die Straße entlanggeht, sondern beschreibt den Mann, der mit seinem asthmatischen Kurzhaardackel im Schlepptau die Straße entlang -marschiert, -bummelt oder -eilt.

Werdet konkret. Schreibt statt “Hund” Dackel, statt “Auto” Mercedes. Verwendet Adverben und Adjektive sparsam: Der Mann geht nicht langsam, sondern schlendert. Sucht treffende Formulierungen und Metaphern und zieht Vergleiche: “Dieser Text ist trockener als die Wüste Gobi …

So geht es übrigens nicht: Gute Texte sind klar und präzise formuliert und verbarrikadieren sich nicht hinter Wortungetümen oder Worthülsen. Meidet Wörter und Formulierungen, die Ihr in einer normalen Unterhaltung niemals benutzen würdet, beispielsweise “Gefährdungspotenzial” oder “Befindlichkeitsstörungen”.

In der gesprochenen Sprache kommen die so gut wie nie vor — wer sagt schon: “Ich leide heute an Befindlichkeitsstörungen” statt: “Mir brummt der Schädel und Bauchschmerzen habe ich auch”. Worthülsen und “Wortdreimaster” (Schneider) haben nichts auf Papier zu suchen, auch wenn das bekanntlich geduldig ist. Eure Leser sind es nicht.

5) Lange oder kurze Texte?: Eine Faustregel gibt es dafür nicht. Generell gilt: Es macht keinen Sinn, um jeden Preis kurz oder lang zu schreiben, es kommt immer auch auf’s Thema an. Aber wenn Sie öfter “Deine Texte sind zu lang” hören, kann das die höfliche Umschreibung für ” … zu langweilig!” sein.

Dagegen hilft nur: straffen, besser strukturieren, stärkere Vergleiche und Formulierungen finden, mehr auf Leserbedürfnisse eingehen.
Außer Eurer Schreibstimme solltet Ihr auch Euren Rhythmus finden. Lange Sätze mit kurzen abwechseln, zwischendrin auch mal Ausrufe und Fragen. Fast alles ist erlaubt, auch Halbsätze und Ellipsen. Die Hauptsache ist, Euer egoistischer Leser bleibt bei Euch, ohne einzuschlafen.

6) Das Beste kommt zum Schluss: Titel, Überschrift und der erste Satz Der Einstieg eines Textes — Titel, Überschrift und Einleitung — darf alles sein, nur nicht langweilig.

Oder wie Wolf Schneider schreibt: “Das Traurigste, wozu man einen ersten Satz missbrauchen kann, ist eine Binsenweisheit: ‘Das Internet hat sich zum bedeutenden Informationsmedium entwickelt.“

Einen Durchschnittsleser vorausgesetzt habt Ihr 20 Sekunden Zeit — das sind 350 Zeichen — , um mit einem großartigen Einstieg, das sind Titel und erster Satz, neugierig zu machen und zu punkten.

Danach ist das Urteil “les’ ich” oder “les’ ich nicht” unwiderruflich gefällt, denn für den ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance.

Man kann wie Katja Kessler seine Leserschaft mit wütenden Frauen locken: „Gestern war einer dieser Tage, an denen ich verstanden habe, warum Frauen ihren Männern Strychnin ins Essen rühren“, oder, wie die Neue Züricher Zeitung, mit einem wunderbaren Bild über’s Altern im Vergleich zu Wein und Käse: „Alt werden hat in unserer Gesellschaft einen schlechten Beigeschmack. Mit wohlwollender Zustimmung altern dürfen bei uns nur noch Wein und Käse.” (Beide Beispiele aus: Wolf Schneider, Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt.)

Der Teufel steckt immer im Detail


Nach dem Schreiben kommt das Redigieren.
Das ist oft viel aufwändiger, als den ersten Wurf zu schreiben, aber die Mühe, das Ringen um treffende Formulierungen und Vergleiche, die richtige Gliederung und das Rundfeilen des Textes wird sich lohnen.

Der wichtige erste Satz findet sich wie beschrieben oft erst beim zweiten Lesen, alles Überflüssige muss gehen, Adjektive sollten sparsam eingesetzt, Passiv in Aktiv umgewandelt werden und Füllwörter wie: eben, nämlich, also, halt, quasi, überhaupt, ganz/gänzlich, geradezu, usw. müssen verschwinden.

Denkt auch daran, Euch an der gesprochenen Sprache zu orientieren, und vereinfacht Worthülsen: “Gefährdungspotenzial” wird zur “Gefahr” und “widrige Witterungsbedingungen” zu “schlechtem Wetter”.

Alles andere ist nicht nur bemüht, es klingt auch so.

Und außerdem:

- das Thema und den Nutzen des Themas für Leser genau kennen — immer an sein AHA! denken.
- so präzise und klar wie möglich formulieren. Am besten gelingt das, wenn man so schreibt wie man spricht. Stellt Euch beim Schreiben Eures Entwurfes am besten ein Gegenüber vor, dem Ihr das Thema erklärt.
- Texte sollten nach dem Schreiben “ruhen”. Nach dem Ruhen wird der erste Entwurf überarbeitet, wobei das Überarbeiten oft aufwändiger ist als das Schreiben. Hier steckt die eigentliche Qual … ität.

In erster Linie zählen beim Schreiben Herzblut und echtes Interesse an Themen und Lesern, in zweiter ein paar Regeln. Das Wichtigste ist aber, dass man sich traut und nicht ewig aufschiebt.

Der Rest ist üben, üben, üben, denn unser Gehirn funktioniert wie ein Muskel: Je häufiger wir unsere Fähigkeiten trainieren, desto besser werden wir!

***********************************************

Den vollständigen Artikel mit allen Darstellungen und weiterführenden Leseempfehlungen gibt es in meinem Blog Generationengespräch zum Nachlesen: Einfach gute Texte schreiben

Copyright: Agentur für Bildbiographien, 2017

Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmensgeschichten und bietet zusätzlich einen Ghostwriting-Service für Unternehmen und Privatpersonen an.