Psychologie für Anfänger: Das Gewissen wird einfach überbewertet!

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Freud hat‘s erfunden. Bevor sich der Sigmund an seinen Schreibtisch setzte, war die Welt noch ziemlich einfach. Damals konnte der Mensch nämlich noch alle seine Probleme durch bloßes Nachdenken lösen. Frauen zählten ja damals noch nicht wirklich zur Menschheit und waren sowieso hysterisch. Aber der Mann war Gottseidank von Anfang an total rational und eigentlich immer schon vollkommen kopfgesteuert.

Und dann kam dieser Freud. Er fand heraus, dass wir eigentlich überhaupt gar kein bisschen rational sind. Oder höchstens ein ganz kleines bisschen vielleicht. Jedenfalls stellte er fest, dass es unterhalb des Kopfes noch jede Menge andere Dinge gibt, die unser Denkvermögen erheblich beeinträchtigen. Irgendwo um die Gürtellinie herum genau genommen. Und von dort gelangen diese seltsamen kleinen Impulse dann in unser Gehirn. Deswegen machen wir merkwürdige Dinge und tun dann nachher eben mal so, als ob.

Tu doch nicht so erwachsen!
Zum Beispiel tun wir gerne so, als ob wir alles lange im Voraus per Verstand entschieden hätten. Obwohl die Entscheidung in Wirklichkeit aus dem Bauch kommt. Aber meistens merken wir das noch nicht einmal so genau. So wie bei dem schicken, neuen Sportwägelchen zum Beispiel. Das hat sich Ihr Mann auch nur deswegen gekauft, damit er Sie damit schneller zum Großmarkt bringen kann. Auch wenn Sie im Kofferraum bestenfalls eine Getränkekiste verstauen können. Und weil er es gut von der Steuer absetzen kann. Aber doch ganz bestimmt nicht, weil es ihm einfach Spaß macht. Höchstens vielleicht, um die Nachbarn zu ärgern. Klingt doch vernünftig, oder?

An der Stelle kommt dann gerne mal das Bildchen mit dem Teufelchen und dem Engelchen auf der Schulter. Aber so einfach ist das ja nun auch wieder nicht. Denn wer ist denn nun das Teufelchen? Etwa die Stimme aus dem Bauch? Die uns vor der appetitlichen kleinen Konditorei in der Innenstadt leise zuflüstert: „Oh, schau mal! Die Schwarzwälder Kirschtorte! Sieht die nicht unglaublich lecker aus? Du solltest dir unbedingt ein Stück davon gönnen!“ Und schon stehen wir von einem unwiderstehlichen inneren Drang geleitet mitten im Café vor der Kuchentheke und setzen zur Bestellung an. Der reinste Magnetismus. Da ertönt ein vernehmliches Raunen auf der anderen Seite: „Hallo?! Was tust du da eigentlich? Du bist doch eh schon viel zu fett! Du gehst jetzt sofort wieder raus!“ Und – merken Sie was? Da war jetzt noch gar kein Kopf dabei.

Ein klares Jein
Inzwischen ist die sympathische, rundliche Konditorin auf den Plan getreten und fragt: „Was darf‘s denn sein?“ Und schon sind Sie gleich in mehrere Konflikte verwickelt. Sie können jetzt unmöglich zu der netten Frau sagen: „Nein, danke. Ich hab’s mir anders überlegt.“ Das wäre peinlich. Und irgendwie auch unhöflich. Das können Sie doch jetzt nicht machen. Schließlich haben Sie mit Ihrem Verhalten Kaufabsicht bekundet. Nun ja, eigentlich können Sie jetzt sowieso nichts mehr richtig machen. Aber dafür auch nichts falsch. Oder?

Die Stimme aus Ihrem laut knurrenden Bauch, also dieses Es, spürt Aufwind und legt noch einmal nach: „Hey, jetzt wo du schon einmal hier bist, tu dir doch einfach mal was Gutes! Du kannst doch jetzt die nette Frau nicht enttäuschen! Und das Leben ist sowieso viel zu kurz, um sich dauernd von diesem blöden schlechten Gewissen die Laune verderben zu lassen!“ Das Über-Ich ist entrüstet und schimpft: „Siehst du, was du angerichtet hast! Weil du immer so kopflos und unvernünftig bist, hast du jetzt auch noch die nette Bedienung verärgert. Du entschuldigst dich jetzt sofort und gehst! Schließlich wolltest du doch unbedingt abnehmen!“

Der Kompromiss: Wenn einer vorgibt und keiner wirklich nach...
Die Bedienung hat sich inzwischen Gottseidank einem anderen Kunden zugewandt. Sie haben also kurz Zeit, um nach einer Lösung zu suchen. Jetzt – endlich - schaltet sich das Ich zu und sagt: „Ok. Ist ja alles schön und gut. Ihr habt beide irgendwie Recht. Wie wär‘s mit einem Kompromiss? Ein kleines Stück Himbeerkuchen vielleicht? Das hat nur halb so viele Kalorien und eine kleine Sünde darfst du dir nach vier Wochen strenger Diät schon mal erlauben!“ Es und Über-Ich ziehen leise grummelnd ab. Sie genehmigen sich schnell noch einen Schlag Sahne obendrauf und sind zumindest so lange glücklich, bis Sie abends auf der Waage stehen. Und schon sitzt Ihnen das Über-Ich wieder im Nacken und zetert: „Hab ich‘s dir nicht gleich gesagt? “

Moral wird überbewertet...

Ein schlechtes Gewissen ist ja manchmal gar nicht so schlecht. Oder auch gar nicht so gut. Je nach Perspektive. Also irgendwie auch wieder nicht wirklich kopfgesteuert. Aber was ist denn nun eigentlich rational? Und ist es denn so unvernünftig, sich etwas Gutes zu gönnen? Oder sollte man doch besser auf sein Gewissen hören? Auf Dauer ist das doch mindestens genauso ungesund wie das tägliche Stückchen Torte extra. Wie zum Teufel bringt man denn nun das, was man unbedingt, ganz dringend und am besten sofort will und das, was gerade lustig ist und Spaß macht, mit dem zusammen, was man eigentlich tun, lassen oder (auf keinen Fall) wollen sollte? Funktioniert das überhaupt oder prinzipiell gar nicht? Wo doch das Über-Ich auch nur so ein zäher Mainstream ist. Dieser Katalog, den wir ständig mit uns herum schleppen. In dem alle Gebote und Verbote drin stehen. Aber eben nur so im Allgemeinen und Generellen. Im speziellen Fall meistens nicht. Immer irgendwie knapp vorbei am wirklichen Leben.

...denn, das wirkliche Leben ist schon hart genug!
Es macht ja oft auch irgendwie Sinn, dass wir uns möglichst konform zum gerade herrschenden Zeitgeist verhalten. Und zum Beispiel an roten Ampeln anhalten und unsere Steuererklärung einigermaßen korrekt ausfüllen. Aber ganz oft ist der Katalog ja außerdem auch noch veraltet. Angefüllt mit Regeln und Werten, die längst gar nicht mehr aktuell sind. Weil sich sowieso keiner daran hält. Auch, weil man Regeln meistens ziemlich frei interpretieren kann. Selbst wenn man es eigentlich nicht kann. Anwälte können das. Oder weil es einfach keine Freude macht. Sie kleben aber trotzdem wie alter Kaugummi hartnäckig in unseren Gehirnwindungen. Und sorgen dafür, dass wir eigentlich dauernd ein schlechtes Gewissen haben. Falls wir überhaupt eines haben. Einfach lästig eben. Besonders wenn wir – wie so oft - nicht im Mainstream schwimmen, sondern uns auf einen dieser vielen verführerischen Abwege begeben haben. Und weil es uns der liebe Gott nicht allzu schwer machen wollte, hat er uns diesen kleinen Trick mit auf den Weg gegeben – die Verdrängung. Wir dürfen schon mal schummeln und einfach nur so tun als ob. Das macht das Leben auf Dauer auch heute noch irgendwie einfacher.