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Mein Freund Piet und die Sache mit dem Wert

Mein Freund Piet und die Sache mit dem Wert

13.03.2017, 11:51 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Normalerweise treffen mein Freund Piet und ich uns ja am späten Nachmittag oder gegen Abend, um an seinem Küchentisch bei einem Glas guten trockenen Roten die Welt zu ordnen. Kürzlich machte ich mich allerdings schon früh am Morgen auf den Weg zu ihm. Durch die stürmischen Winde in den letzten Wochen war eine große Sichtblende in unserem Garten in Schieflage geraten und einer der Pfähle musste einbetoniert werden.

Ich beschloss, das bei wärmeren Temperaturen im Frühling zu tun und den Pfahl bis dahin abzustützen.Um eine Stütze in unseren Marschboden zu schlagen braucht man vor allem zwei Dinge: Ausdauer und einen schweren Hammer! Die Ausdauer ist meine Sache, aber den schweren Hammer, den würde ich sicher bei Piet finden. Sein Werkstattschuppen ist eine Fundgrube, in der alles, was man vielleicht irgendwann einmal brauchen kann, mit Sicherheit zu finden ist. Ein großer Hammer sowieso! Wie erwartet, werkelte Piet schon in seinem Werkstattschuppen. Er gehört zu den Menschen, die nie gelernt haben, einfach mal nichts zu tun – auch als Rentner nicht.

„Moin Piet!“ rief ich fröhlich. Bei dem Lärm der Maschine, mit der Piet gerade die Kette einer Säge schärfte, hätte er das wohl kaum gehört, wenn unser Hund Schoppie ihn nicht gleichzeitig freudig begrüßt hätte. Piet schaltete die Maschine aus, setzte die Schutzbrille ab und befreite sich aus Schoppies liebevoller „Umarmung“.

„Moin!“ sagte er lächelnd und fügte grinsend hinzu: „Was fehlt dir denn?“
„Ein schwerer Hammer.“ antwortete ich verlegen.
„Da musst du zum Arzt, der verschreibt Viagra. Sowas hab ich nicht!“
Lachend erklärte ich:“Eigentlich dachte ich dabei an einen Hammer, mit dem ich einen Holzpfosten in den Boden rammen kann.“
„Da bist du bei mir richtig.“ erwiderte Piet und holte aus einer Ecke einen großen Hammer der Sorte, wie ich sie aus meiner Kindheit vom „Hau den Lukas“ Stand auf der Kirmes kannte.
“Für nen guten trockenen Roten ist es ja wohl noch zu früh und meine Madam ist unterwegs, deshalb gibts auch keinen Kaffee.” Piet kratze sich verlegen am Kopf.
“Du, das ist kein Problem, ich muss ja zusehen, dass ich den Pfosten in den Boden kriege, bevor meine Madam das Signal zum Brunch gibt.”

Piet grinste. “Diese modernen Ausdrücke. Ich frage mich manchmal, wer sich sowas ausdenkt und ob das sein muss. Früher nannten wir das Faulenzerfrühstück, das ist eine Art vorgezogenes Mittagessen für Langschläfer. Aber was soll’s? Die Zeiten ändern sich, die Menschen auch und zurück bleibt der staunende Piet, dem das manchmal alles nicht ganz geheuer ist. Heute Morgen habe ich übrigens die Nachrichten im Radio gehört und war mal wieder vollkommen von den Socken.”

“Wieso? Ist was passiert, was mir entgangen ist?”

“Na ja, Opel ist doch jetzt verkauft worden, für immerhin über 2 Milliarden Euro. Also so mit allem Drum und Dran, Opel Finanzsparte und sowas alles…”

“Das hab ich in der Zeitung gelesen, Piet, aber was ist daran so bemerkenswert? Ich finde es gar nicht schlecht, dass Opel nun im Besitz von Peugeot, also in den Händen eines europäischen Partners sein wird.”

“Das mag ja angehen.” erwiderte Piet nachdenklich und hob seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas besonders Wichtiges sagen will. “Aber in den gleichen Nachrichten wurde berichtet, dass dieses Softwareunternehmen, Schnäppschätt oder wie die heißen, seine Aktien an die Börse gebracht hat und nun 30 Milliarden wert ist.”
“Joh Piet, das hab ich auch gelesen, aber was hat Opel mit Snappchat zu tun?”

“Nix, mein Freund, rein gar nix. Mir fiel in dem Bericht nur auf, dass dieses Unternehmen noch nie Gewinne gemacht hat und dass es nicht sicher ist, ob es je Gewinne machen wird. Opel hat Gewinne gemacht, baut im Jahr eine Millionen Autos, beschäftigt europaweit 100.000 Menschen und kann durchaus auch künftig wieder Gewinne machen. Fällt dir da nix auf?”

“Genau genommen schon.”

Nachdenklich schwiegen wir für eine Weile. Mein Freund Piet mag nicht besonders bewandert sein, wenn es um wirtschaftliche Zusammenhänge geht, aber die Grundrechenarten beherrscht er gut genug, um den Unterschied zwischen 2 Milliarden und 30 Milliarden zu erkennen. Er mag nicht viel darüber wissen, wie Aktien bewertet werden und der Zusammenhang zwischen dem Unternehmenswert und der zukünftigen Gewinnerwartung mag ihm fremd sein, aber dass ein Unternehmen, dessen Börsenprospekt ausdrücklich darauf hinweist, dass es eventuell niemals die Gewinnzone erreichen wird, nun plötzlich 30 Milliarden wert ist, während ein anderes Unternehmen, das hunderttausend Menschen mit Lohn und Brot versorgt, tatsächlich sichtbare Werte schafft und in der Vergangenheit bewiesen hat, dass es Gewinne erwirtschaften kann, gerade mal mit 2 Milliarden bewertet wird, das war ihm sofort seltsam erschienen. Piet unterbrach unser Schweigen.

“Ich muss jetzt sehen, dass ich meine Kettensäge wieder ans Laufen bringe. Die mag, vom Kaufpreis her nicht sehr viel wert sein, aber sie hat mir schon geholfen, viele Kubikmeter Feuerholz zu machen, das scheint mir ein entscheidender Punkt zu sein, wenn es darum geht, welchen Wert etwas hat. Ich weiß nicht, was dieses Schnäppschätt für die Menschen bringt, aber das muss ich wohl auch nicht. Was ich allerdings gelernt habe, bei dem Vergleich mit Opel, dass die Frage, wieviel Geld man für etwas bezahlt, wohl heutzutage nicht mehr so sehr viel damit zu tun hat, welchen Wert es für die Menschen hat. Eine seltsame Welt ist das geworden, in der wir heute leben.”

“Jo, Piet! Ich muss mich dann auch mal mit meinem Pfosten beschäftigen.”

Wir gaben uns die Hand, ich schulterte den schweren Hammer und während Piet seine lärmende Schleifmaschine startete, machten unser Hund Schoppie und ich uns auf den Heimweg. Piet hatte mich mal wieder nachdenklich gemacht. Es gibt Werte, nach denen wir unser Leben ausrichten, Werte, die wir mit unseren Händen schaffen und Werte, die an Börsen ausgerufen werden. Allen gemeinsam ist wohl, dass sie nichts miteinander zu tun haben.

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6 Kommentare

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Diese Besonderheit, sprich Aktien, lassen im kapitalistischen System Menschen zu Reichtum kommen, die nicht einen Finger dafür gekrümmt haben. Vielleicht sogar in ihrer Gier anschließend noch die Steuerzahlungen umgehen wollen.
Es ist eine der Ungerechtigkeiten zwischen Reich und Arm, denn Arm kann es sich garnicht leisten, an der Börse zu spekulieren. Da ist dann gleich auf einen Schlag alles weg.
Fehlende Wertschätzung ist überall spürbar.
Aus meiner Sicht kann eine Lösung nur in die Richtung gehen wenigstens ein überlebenssicheres Einkommen zu gewähren, auf das der Einzelne dann draufsattelt oder....wenn er genügsam lebt,.. auch nicht.
Wie z.B. das Grundeinkommen.
  • 31.03.2017, 15:39 Uhr
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Immer wieder köstlich, unser Piet
  • 13.03.2017, 13:26 Uhr
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Dein Freund Piet gefaellt mir.
  • 13.03.2017, 12:11 Uhr
  • 2
  • 13.03.2017, 12:49 Uhr
  • 2
  • 15.03.2017, 12:59 Uhr
  • 0
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