Erinnerungen an die Vorwendezeit
Erinnerungen an die VorwendezeitFoto-Quelle: seniorbook/ws

Meine Reise nach Donetsk I: Die unbekannte ukrainische Metropole

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

In der Champions League spielt Bayer Leverkusen gegen Schachtjor Donezk. Im letzten Jahr waren die Dortmunder Borussen in der fünftgrößten Stadt der Ukraine am kleinen Don. Die weithin unbekannte Millionenmetropole lebte gut von Eisen und Stahl und hat einen grausamen Strukturwandel durchlitten. Skizzen aus einer erwachenden Stadt, mit Quark im Gepäck.

Wenn die Tomaten noch wie Tomaten schmecken dürfen, der Dill als dicker Strauß von den hutzeligen Marktweibern verkauft wird, die großkalibrigen Möhren frisch aus der fetten Erde gezogen sind und ihnen schwarz-glänzende Erdkrumen anhaften, dann weiß ich, ich bin „Beyond the Iron Curtain“. In einem jener Länder, die, gemessen an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit ihrer dynamischen Marktwirtschaft, jahrzehntelang in einem Dornröschenschlaf geschlummert haben. Fahren Sie mal nach Donetsk, ganz weit im Osten der Ukraine, nahe an der russischen Grenze. Hier wird kein Ukrainisch gesprochen. Moskau ist den Menschen weit näher als Brüssel und die EU. Ihre Zukunft sehen die meisten Menschen hier in der Nähe zum russischen Nachbarn.

Apartments in der City günstig mieten

Am frühen Morgen, weit nach Mitternacht, gehe ich noch in einen der vielen kleinen Supermärkte, die rund um die Uhr geöffnet haben, um für das Frühstück einzukaufen. Eingemietet habe ich mich in der Straße Universitätskaya im vierten Stock. Es ist einer der großen Wohnblocks aus Ziegelstein, wie sie überall anzutreffen sind und dem damaligen Baustil der kommunistisch-sozialistischen Gleichmacherei folgten. Es ist eine typische Zweizimmerwohnung, ein Apartment, wie es jetzt in der Ukraine Touristen über das Internet angeboten werden. Das muss man nicht über die Seite „Booking.com“ buchen, es geht auch immer direkt. Keine Bange, die Jüngeren sprechen ausreichend Englisch, um das Procedere zu vermitteln und die Schlüsselübergabe zu arrangieren. 450 Griwna (40 Euro) pro Nacht sind für die zentrale Lage angemessen – auch wenn die Bettstatt aus einer betagten Ausziehcouch besteht und die Schränke Sperrmüllflair ausstrahlen. Dafür sind Küche und Bad samt nagelneuer Waschmaschine top.

Erinnerungen an die Jugendzeit

Im Supermarkt hat der in wasserabweisenden Wachspapier gepackte Quark gleich Erinnerungen an meine Jugendzeit wachgerufen. Und so geht es mir ständig, wenn ich die abgewohnten und leicht verrotteten Wohnblocks anschaue, in deren Treppenhäusern die immer gleiche blaue Ölfarbe blättert und in deren Hinterhöfen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Oder ist es nicht auch die Armut des Landes, die einen raschen Wandel, wie sie die ehemalige DDR erlebte, verhindert?

Rasanter Umbruch – aber nicht in allen Bereichen

Hier in Donetsk erscheint alles irgendwie nicht wirklich. Und doch vereint sich die Vergangenheit in einem schmelzenden Prozess mit der Gegenwart. So kann er nur in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang wahrgenommen und erlebt werden. Überall ist der Aufbruch zu spüren. Mal rasant, mal weniger. Oder auch gar nicht. Fährt man mit dem Trolleybus mit der Nummer 7 für 1,5 Griwna in die benachbarte Großstadt Majkievka, so weichen mit zunehmender Entfernung die Hochhäuser einfachen Einfamilienhäusern, mal mehr, mal weniger gepflegt. Slumähnliche Verhältnisse nicht ausgeschlossen. Aber alte Ladas sind kaum mehr auf den Straßen. Protzende Porsche Cayennes sind anzutreffen, wie die gesamte Modellpalette europäischer und fernöstlicher Herkunft. Nicht zu vergessen die schwarzen Luxuskarossen mit ihren blickdichten Seitenscheiben.

Die Stadt von John Hughes, von Eisen und Stahl

Donetsk, die Stadt, die von Eisen und Stahl lebt. 1868 gründete der Engländer John Hughes in dem heutigen Stadtgebiet eine metallurgische Fabrik. Sie ist der Grundstein für die rasante Entwicklung der Siedlung in dem reichen Kohlebecken. Nicht von ungefähr ist Bochum Städtepartner und wurde mit Magdeburg eine technologische Allianz vereinbart. Die Metallurgie schmiedet zusammen, eindrucksvoll in dem Park demonstriert. In dem einzigartigen Park sind einzigartige Skulpturen der Schmiedekunst ausgestellt. Überhaupt Kunst. Mehr als 24 Museen listet der städtische Führer auf. Die beiden Theater, Oper wie Schauspiel, knapp 500 Meter voneinander entfernt, zeugen vom musischem Reichtum der Stadt.

Pushkin-Boulevard und Lenin-Statue

Die Flaniermeile für den Sonntagspaziergang, der Pushkin-Boulevard ist vollgestellt mit Skulpturen, mehr oder weniger geschmackvoll, diskutierbar. Da empfiehlt sich der Besuch des Historischen Museums der Region Donetsk, knappe zehn Minuten von der eindrucksvollen Donbass Arena entfernt – jener Fußballtempel, der Münchner Allianz Arena nicht unähnlich, in dem Schachtjor Donetsk seine großen Spiele durchführt. Hier in dem wunderbaren Museum der Lokalgeschichte sind die Zeugnisse einer reichen Vergangenheit der Slawen, Skyten und Griechen ausgestellt, die einst das Becken am Schwarzen Meer bevölkerten.

Von der deutschen Wehrmacht total zerstört und drei Jahre besetzt

Aber auch die nahe Vergangenheit ist ausführlich dokumentiert. Der „Große Vaterländische Krieg“, die Jahre von 1941 – 43, in denen deutsche Truppen die Stadt besetzten und später fast völlig zerstörte und die jüdische Bevölkerung in die Gaskammern deportierte, ist mit vielen Beispielen illustriert.

Eine lebendige Stadt mit viel Abwechslung

Bein Spaziergang über den Pushkin-Boulevard landet man nahezu unwillkürlich in dem Schokoladencafe einer Kette aus L'wiw (Lemberg) oder der „Bäckerei" auf der anderen Seite. Der einfache Cappucchino kostet 22 Griwna, die Halbe Bier der lokalen Brauerei „Capmat“ am Abend im „Golden Lion“, englischer Pub und Restaurant zugleich und keine 100 Schritt entfernt auf dem Artemis Boulevard, 13 Griwna. Hier im Zentrum von Donetsk, zwischen der beindruckenden Leninstatue und dem 5-Sterne Luxushotel Donnbass Hotel, den beiden Theatern und dem neuen 18 Stockwerk hohen Bürokomplex, sind die internationalen Modelabels angesiedelt, werden Diamanten verkauft und mit Gold gehandelt.

Junge bildhübsche Frauen auf halsbrecherischen Stilettos

Wie auch in Russland ist die Anzahl der gut aussehenden jungen Frauen erstaunlich. Auf Stilettos und in Stiefeln bewegen sie sich sicher auf dem Bordsteinpflaster. Immer gepflegt angezogen und mit perfektem Makeup. An Kleidungsstil ist sowohl die west- als auch osteuropäische Mode anzutreffen. Nahezu alle Labels von Brioni bis Zara sind mit teilweise mehreren Shops vertreten – Luxusmarken ebenso wie Ketten á la Mango oder H+M. Natürlich sind iPhone und iPad Statussymbole, ebenso wie Samsung Handys und Laptop-Computer. Freie WLAN in fast allen Restaurants und Cafés.

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