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Stau

Stau

05.08.2017, 10:40 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Stau

Die Blechlawine schiebt sich sehr langsam vorwärts. Missmutig schaut Cordula aus dem Autofenster. Die Schulferien enden an diesem Wochenende in mehreren Bundesländern. Im Radio verkündet der Verkehrsfunk einen Stau nach dem anderen. Nun ist noch ein Unfall passiert. Wahrscheinlich in einer der vielen Baustellen, die es hier auf der A7 gibt. Es lohnt sich nicht die Autobahn zu verlassen. Die Umleitungen sind auch schon überlastet. Ihr Mann Werner hat jede Konversation aufgegeben. Auf der Rückbank sitzen ihre zwei Kinder. Max ist 11 und Maike 9 Jahre alt. Seit der Abfahrt von der Insel Fehmarn, lauschten sie einem Hörspiel und störten nicht. Es ist abgelaufen, sie schauen hoch: „Oh warum stehen wir denn? Ich habe Durst, wo ist die Wasserflasche, hast du noch Kekse? Cordula reicht beides nach hinten und denkt: jetzt wird es stressig. Sie sagt: „zählt doch alle roten Autos“. „Ach nee, das ist langweilig“, kommt es von hinten. Vor ihnen wird die linke Fahrbahn gesperrt. Ab jetzt läuft der Verkehr zweispurig. Max ist das nicht entgangen: „Vati hier gilt doch jetzt das Reißverschlussverfahren, den roten Bulli hättest du rechts rüber fahren lassen müssen.“ „Ruhe da hinten – ich fahre“, tönt es unfreundlich zurück. Die Kinder schauen aus dem Fenster und sehen, dass der rote Bulli hinter ihnen fährt. Maike winkt. Sie wird leider falsch verstanden. Das Mädchen, neben der Fahrerin, streckt ihr die Zunge raus.

Stopp und Go, Stopp und Go, mal sind die Wagen der rechten Fahrbahn schneller, mal geht es links besser voran. Der Bulli ist nun auf der rechten Seite und fährt vorbei. Max schreit aufgeregt: „Die haben hinten einen Hund sitzen. Er hat mich angeschaut Mama, hast du das auch gesehen? Der Mann sitzt neben dem Hund, ob der wohl keinen Führerschein hat? Cordula antwortet: „Was du dir für Gedanken machst, vielleicht ist der Mann müde. Ich habe einen Schweden - Aufkleber gesehen. Sie sind bestimmt von einer Fähre gekommen und schon lange unterwegs. Ja Max den Hund habe ich auch gesehen, er ist ziemlich groß. Sollte der nicht in einer Box untergebracht werden?“. „Es gibt auch Gurte für große Tiere“, meint Werner. Maike ist froh, dass ihr Papa wieder mit ihnen spricht. Sie meldet sich jetzt auch: „Papa, in dem blauen Omnibus da vorne, der hinter dem Bulli fährt, sitzt ein alter Mann, der hat mir eben zugewinkt, ob er uns wohl kennt?“ „Nein Kleines, der Bus hat ein niederländisches Nummernschild.“ Max, der liebe Bruder sagt: „Du spinnst“. „Dann spinne ich auch, ich habe mir doch eben eingebildet, die Fahrerin des roten Bulli schon mal gesehen zu haben. Die kommen aus München und dort kennen wir auch niemand“, sagt Cordula lachend.
Vater gibt wieder Gas, die linke Fahrbahn ist weit vorne freigegeben worden. Der blaue Bus erscheint, der alte Mann winkt wieder. Der rote Bulli steht rechts, das fremde Mädchen hält ein Comic Heft hoch und lächelt. Dieses Intermezzo wiederholt sich bis endlich die Unfallstelle erreicht ist. Drei verbeulte Autos, zwei Krankenwagen, Polizei und weinende Menschen hinter der Leitplanke. Die Kinder sind still. Alle Freude ist weggeblasen. Nach einiger Zeit sagt Cordula: „Bis zur nächsten Raststätte sind es noch 5 Kilometer. Ich denke dort machen wir Pause.

Ist es Zufall? Auf dem Parkplatz der Raststätte Allertal“ steht der rote Bulli aus München genau neben ihnen. Max und Maike steigen aus und schauen schüchtern die große schwarze Dogge an. Sie säuft Wasser aus einem Eimer und schlabbert, dass es nur so spritzt. Das Mädchen, mit der flotten Kurzhaarfrisur, stellt einen großen Futternapf neben den Hund und streichelt ihn. Den staunenden Kindern entgeht etwas sehr merkwürdiges. Ihre Mütter schauen sich an – eine sagt: „Cordula?“ und die andere: „Anne bist du das?“ Sie umarmen sich, mustern sich gegenseitig: „Wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ „Gut siehst du aus.“ Zwei Männer schauen stumm auf ihre Frauen und mustern sich dann gegenseitig. Cordula beruhigt sich als erste. „Anne darf ich dir meinen Mann Werner vorstellen. Die Zwei dort sind unsere Kinder Max und Maike.“ An Werner gewandt fährt sie fort: „Diese flotte Fahrerin ist meine Cousine Anne. Wir haben uns vor 15 Jahren durch einen dummen Streit entzweit und jede Verbindung abgebrochen.“ Nachdem Anne ihr Tochter Sophie und ihren Mann Josef mit allen bekannt gemacht hat, wird auch der große Hund bewundert. Cordula sagt: „Du hast dir als Kind schon immer einen großen Hund gewünscht.“ „Und nie bekommen“ , erwidert Anne. Er heißt Zeuss, zu Hause haben wir noch zwei Hündinnen. Die Hunde sind Josefs Hobby und da hat er genau die passende Frau gesucht und auch gefunden. In Göteborg fand ein Doggen Treffen statt. Dort ist Zeuss wieder mal prämiert worden. Der Hund wird erst noch von Josef zwei mal um den großen Parkplatz geführt. Selbstverständlich begleitet von drei begeisterten kleinen Fans.
Im Toilettenraum waschen sich die Frauen die Hände. Cordula fragt: „Bist du mir noch böse?“ „Ich weiß gar nicht mehr was uns auseinander gebracht hat, Wir haben doch vor einer halben Stunde gesehen, was wirklich wichtig ist“, sagt Anne nachdenklich.
Es wird noch lange erzählt. Sie mögen sich nicht sofort wieder trennen. Cordula ruft ihr Mutter an und fragt, ob sie Besuch mitbringen kann. Dann lädt sie Anne und Josef ein. „Ihr könnt doch nicht bis München fahren, kommt mit zu uns. Meine Eltern haben ein Gästezimmer, dort seid ihr herzlich willkommen. Mutter ist allerdings allergisch gegen Hunde.“
„Wie geht es deinen Eltern, wohnt ihr noch in Bad Salzuflen?, fragt Anne. „Ja vor zehn Jahren wurde für uns ein Trakt angebaut. Die Kinder haben jeder ein eigenes Zimmer. Sophie kann bei Maike schlafen. Wir waren zwei Wochen verreist, es wird heute etwas chaotische werden. Du kennst das bestimmt auch. Ich bin froh, dass meine Eltern noch fit sind. Mutter freut sich schon darauf ihre Lieblings-Nichte wieder zu sehen."

Nach kurzem Überlegen stimmen Anne und Josef zu. „Zeuss schläft immer im Bulli, das ist kein Problem". Die Kinder sind natürlich begeistert. Max grinst und sagt zu seinem Vater: „Ein Stau, der sich gelohnt hat.“

Copyright: Marga Koch

19 Kommentare

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Ich lese jetzt gleich den zweiten Teil. Der erste Teil hat mir schon sehr gut gefallen.
  • 21.11.2017, 16:03 Uhr
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Die Geschichte ist gut, mit Gefühl und den notwendigen Details, die zum Weiterlesen anregen, erzählt. Das Potential der Idee einer zufälligen Begegnung wird aber mit dem Happyend verschenkt - es fehlt die Dramaturgie. Wie wäre es gewesen, wenn sich zwei ehemalige Konfliktparteien getroffen hätten? Das auszuarbeiten wäre m.E. aufwändiger, aber auch interessanter. Das schaffst Du doch, Marga, also nicht immer nur lieb sein
  • 10.08.2017, 22:40 Uhr
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Hallo Helmut, ich bedanke mich für deinen Kommentar. Du hast es schon erfasst, alle meine Geschichten sind immer nur lieb. Ich könnte auch anders, habe aber Angst, dass es dann schrecklich wird und ich mich dann selbst nicht mehr leiden mag.
  • 11.08.2017, 14:05 Uhr
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Trau Dich einfach mal, Marga, es wird Deinem Charakter nicht schaden. Es bleibt ja Fiktion.
lg Helmut
  • 12.08.2017, 14:22 Uhr
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Nachtrag (tröstlicher Zuspruch):
Ich habe mal eine Lektorin auf eine Almhütte entführt. Wir waren da eingeschneit, ideale Voraussetzungen für allerlei Gemeinheiten, ihr heimzuzahlen, dass sie meine Romane nicht veröffentlichte. Ich konnte es nicht. Zu viel Identifikation mit dem Protagonisten: Ich würde sowas nicht machen, also macht es auch mein Protagonist nicht.
  • 12.08.2017, 14:35 Uhr
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Danke für den "Nachtrag", als ich im 2. Schuljahr war mussten wir einen Aufsatz schreiben Überschrift "Mein Kampf". Ich schrieb nur einen Satz und zwar: "Ich habe noch nie einen Kampf gekämpft, ich laufe lieber weg." Meine älteren Brüder hatten ihren Spaß.
Liebe Grüße Marga
  • 12.08.2017, 18:48 Uhr
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Hallo Marga,
eine sehr schöne und erfrischende Geschichte, man war nicht nur dabei sondern mitten drin.
Vielen Dank dafür
  • 08.08.2017, 09:16 Uhr
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Ganz genau
  • 21.11.2017, 16:01 Uhr
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Eine wunderbare Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe.

Liebe Grüße zu Dir,
Theresia
  • 06.08.2017, 22:46 Uhr
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Danke Theresia Liebe Grüße Marga
  • 07.08.2017, 10:04 Uhr
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Hallo Marga,
eine schöne glaubhafte Geschichte, so lebendig, man hat das Gefühl man sitzt mitten im Auto.
Ich freue mich, endlich wieder hier eine Geschichte lesen zu können
Eine Bitte habe ich. Es wäre schön wenn der Text einige Absätze hat.
Meine Küchenbrille bekommt immer Schwierigkeiten wenn die Worte sich drängen
  • 06.08.2017, 09:55 Uhr
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Liebe Margarethe, danke fürs "lesen" und für die wohlmeinende Kritik. Mein Bericht hat doch drei Absätze. Ich drucke meine Geschichten aus und sammel sie in einem Ordner. Wenn ich große Absätze einfüg, werden es statt jetzt 3 Din A4 Seiten, noch eine Seite mehr. Wenn du auf Strg und auf + klickst wird die Schrift größer und man kann sie leicht lesen. Versuch das doch mal.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag wünscht dir Marga
  • 06.08.2017, 10:22 Uhr
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Lächle
Marga, du siehst wie schlecht meine Brille ist.
Danke für die Neue von dir
  • 06.08.2017, 11:19 Uhr
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Wie immer eine tolle Geschichte..Danke dafür
  • 05.08.2017, 15:32 Uhr
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Danke Elke, danke Karin, danke Dorothea, danke Tina und danke Rosemarie. Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende. wize.life-Nutzer
  • 05.08.2017, 18:27 Uhr
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Liebe Marga...damit hat sich ja nun herausgestellt, dass Stauss nicht nur nachteilig sein können...Das hast du anschaulich und lebensnah beschrieben...Deine Geschichte hat mir gefallen...
  • 05.08.2017, 14:29 Uhr
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In Anlehnung an Deinen letzten Satz:
"Eine Stau-Geschichte, die sich gelohnt hat!"
  • 05.08.2017, 12:41 Uhr
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Klasse geschrieben und so bildlich in Text umgesetzt als wenn ich daneben gestanden hätte- es selbst miterleben dufte sowie genau wüsste wovon du schreibst.
  • 05.08.2017, 11:46 Uhr
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Sehr schön und ich erwarte eine Fortsetzung....
  • 05.08.2017, 11:33 Uhr
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