Max Ernst, Der Elefant von Celebes, 1921
Max Ernst, Der Elefant von Celebes, 1921Foto-Quelle: Tate Modern, London

Kunst verstehen: Ist Max Ernsts „Celebes“ ein neuer Elefanten-Typ?

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Entdeckte eigentlich Max Ernst im Jahre 1921 in Köln eine neue Elefanten-“ART“? Die Antwort: April! - April! - Nein, dieses witzige Objekt ist ein Ölgemälde und kein Aprilscherz, es ist das ausgefeilte Resultat seiner dadaistischen und surrealistischen Kreativität.

Wie der 1. April zu einem Tag für besondere Scherze wurde, ist bislang unbekannt. Seine Mitmenschen versucht man durch erfundene, verfälschte oder spektakuläre Geschichten, Erzählungen oder Informationen hereinzulegen. Schon seit 1618 ist in Bayern die Redensart „in den April schicken“ bekannt.

„Der April macht einfach was er will“ und das „tat“ Max Ernst auch. Der Lebenskünstler, „Rheinländer“, Dadaist und Surrealist liebte bestimmt auch den Aprilscherz und fand ihn sicherlich amüsant, denn in seinem Lebenswerk spiegelte sich viel Witziges, Unglaubwürdiges und Phantastisches. So z.B. bei seinem Schicksal: Max Ernst verstarb am 1. April und wurde aber am 2. April geboren. In diesem Zusammenhang möchte ich an zwei Gemälde (außer dem „Elefanten von Celebes“) von Max Ernst erinnern, die mit seiner speziellen Satire „gesegnet“ sind:

„Das Rendezvous der Freunde“, 1922, Öl auf Leinwand, 129,5 × 193 cm, Museum Ludwig, Köln und „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“, 1926, Öl auf Leinwand, 169 × 130 cm, auch Museum Ludwig, Köln. Beim „Rendezvous der Freunde“ saß Max Ernst auf beiden Knien des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski und beim anderen Gemälde versohlte die „Mutter“ Gottes das „Jesus“ Kind so sehr, dass sogar der Heiligenschein des Knaben zu Boden fiel.

Ein neuer „Elefanten“-Typ?

Das Auffälligste des Gemäldes ist ein zweibeiniger, gewaltiger und metallischer Kugelkörper. Als Bildquelle und Inspiration für dieses „Wesen“ soll ein aus Lehm gebrannter Getreide-Silo aus dem Südsudan, der sehr stark elefantische und afrikanische Elemente besitzt (als Dokument dient ein Foto), gedient haben. Der „Koloss“ ähnelt einer Taucherglocke oder einem runden Riesenstaubsuger, zumal aus dem oberen Metallkörper ein rüsselartiger Schlauch „wächst“. Dieser endet als Stierkopf mit weißen Hörnern, während unterhalb davon, links, paarweise spitze Stoßzähnen(!) hervortreten. Unterhalb des „Rüsselkopfes“ befindet sich ein wuchtiger, gezackter, weißer Kragen mit scharfen Spitzen. Als „Krone“ trägt der Koloss ein chaotisches Sammelsurium von geometrischen Teilen.

Zirka im unteren Bildachtel des Gemäldes befindet sich der Horizont mit einer schneebedeckten Gebirgskette - darüber ein riesiger „Himmel mit Fischen“ wie ein Meer. Kräftige Schatten bestimmen die Bild-Komposition. Auf der rechten Bildseite steht eine schachtelhalm-ähnliche, männliche Säüle mit einem roten Phallus. Darunter ist eine weibliche, antike, nackte und kopflose Figur positioniert. Ihr rechter Arm mit rotem Handschuh zeigt grazil nach oben und „korrespondiert“ mit dem roten Phallus der Säule, während der andere Arm nach unten zeigt. Weitere Bildmerkmale sind ein langer dünner Stab (links), in der Mitte unten ein blau/gelber angespitzter Pfosten und eine gelbe fliegende Kugel in Verbindung mit einem „schwarzem Loch“ unter dem Begrenzungs-Wulst im Koloss-Zentrum. Spielt hier vielleicht das Universum Billiard? - Egal, im unteren Teil (unter dem rechten Koloss-Bein) beschriftete Max Ernst sein Bild in Schwarz: CELEBES.

Der Begriff „Celebes“ ist also der Ausgangspunkt, eine damalige Bezeichnung für die heutige indonesische Inselgruppe Sulawesi, die mit Phantasie die geografische Form eines aufrechtschreitenden Elefanten hat.

Der Elefant gehört zu der Familie der Rüsseltiere. Er ist das größte noch lebende Tier und kann ein Körpergewicht von bis zu fünf Tonnen haben, bei einer Körpergröße von bis zu vier Meter Höhe. Auf der Welt existieren noch drei Arten: der afrikanische Elefant, der Waldelefant (speziell in den Regenwäldern von Westafrika) und der asiatische Elefant. Zu all diesem „Schulischen“ kommt noch hinzu, dass Max Ernst aus seiner Schulzeit sicherlich diesen Spottvers kannte:

Der Elefant von Celebes / hat hinten etwas Gelebes / der Elefant von Borneo / der hat dasselbe vorneo. (aus Volksliederarchiv.de).

Max Ernst & die Collage-Technik

Max Ernst war ein Meister der technischen Manipulation, mit einer ausufernden, unerschöpflichen Phantasie und einer brillianten, aber sehr assoziativen Intelligenz. Er schuf wichtige Gestaltungs-Techniken wie die „Frottage“, die „Grattage“ und machte die Collage zu einem „surrealistischen“ Grundprinzip der Kombinatorik und Metamorphose. Dazu schrieb Max Ernst selbst:

„An einem Regentag in Köln am Rhein (1919) erregt der Katalog einer Lehrmittelanstalt meine Aufmerksamkeit. Ich sehe Anzeigen von Modellen aller Art, mathematische, geometrische, anthropologische, zoologische, botanische, anatomische, mineralogische, paläontholögische und so fort. Elemente von so verschiedener Natur, dass die Absurdität ihrer Ansammlung blickverwirrend und sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief, den dargestellten Gegenständen neue, schnell wachsende Bedeutungen gab. Ich fühlte mein „Sehvermögen“ plötzlich so gesteigert, dass ich die neuentstandenen Objekte auf neuem Grund erscheinen sah. um diesen festzulegen, genügte ein wenig Farbe oder ein paar Linien, ein Horizont, eine Wüste, ein Himmel, ein Bretterboden und dergleichen mehr. So war meine Halluzination fixiert.“

Und nun das bewegte Künstlerleben

Schon der Familienname „Ernst“ in seiner wörtlichen Bedeutung ist für Max eine gewisse Herausforderung, denn Max Ernst ist ironisch, neigt zu Wortspielen, ist rätselhaft, kreativ, witzig, überraschend und surreal.

Am 2. April 1891 wird Max(imilian) Maria Ernst als Sohn des Taubstummen-Lehrers und Hobbymaler Philipp Ernst in Brühl bei Köln geboren. Nach dem Besuch der Volksschule, Besuch des Städt. Gymnasiums und Student der Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte (1910-1914) an der Universität Bonn. Bekanntschaft und Freundschaft mit dem Maler August Macke und 1912 beschloß Max Ernst mit dessen Unterstützung dann Maler(!) zu werden. Nach erster Parisreise 1913 entstanden Freundschaften mit Guillaume Apollinaire und Robert Delaunay und 1914 mit Hans Arp. Als Freiwilliger und Artillerist nahm er am Ersten Weltkrieg teil und man beförderte ihn gegen seinen Willen zum Leutnant. Nach Ende des Krieges kehrte er zurück nach Köln und heiratete die Kunststudentin Luise Strauß. Im Jahre 1919 Treffen mit Paul Klee in München und das große Wertschätzen von Werken des Giorgio de Chirico - allererste Collagen entstehen. Zusammen mit Alfred Grünwald (Pseudonym J. T. Baargeld) gründete Max Ernst DADA Köln. (Gleichfalls existierten auch Zürich DADA, New York DADA, Berlin DADA, Hannover DADA, Dresden DADA und Paris DADA). Eine DADA-Ausstellung in Köln wurde 1920 wegen „sexuell Anrüchiges“ polizeilich geschlossen. Im gleichen Jahr kam Sohn Ulrich (Jimmy genannt) zur Welt. Max Ernst traf 1921 in Köln Paul Eluard und Gala (die spätere Frau Dali). Hier entstand im selben Jahr das Gemälde "Der Elefant von Celebes", das Paul Eluard sofort kaufte - übrigens malte Max Ernst auch Paul Eluards Haus in Eaubonne mit Wandbildern aus. Im Sommer 1922 traf man sich dann in Tirol wieder und auch Sophie Taeuber, Tristan Tzara und Andre Breton, der das erste Surrealistische Manifest verfasste. Danach siedelte Max Ernst über nach Paris, wurde Mitbegründer des Surrealismuses und nahm regelmäßig an Sitzungen und Ausstellungen dieser Künstlergruppe teil. Von Nationalsozialisten 1933 angefeindet und 1937 mit zwei Werken in der NS-Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“. 1939 ist er als Deutscher in Frankreich interniert, bricht zweimal aus dem Lager aus und flüchtete über Madrid und Lissabon in die USA. Hier heiratete er die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, aber schon nach zwei Jahren erfolgte die Scheidung. In Arizona heiratete er dann 1946 die amerikanische Malerin Dorothea Tanning und erhielt 1948 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1953 kehrte Max Ernst wieder zurück nach Paris und wurde hier dann 1958 französischer Staatsbürger. Die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn erhielt er 1970. Zu seiner Retrospektive im Salomon R. Guggenheim Museum New York reiste er 1975. Am 1. April 1976 verstarb Max Ernst in der Nacht zu seinem 85. Geburtstag in Paris - hier, auf dem weltberühmten Friedhof „Pere Lachaise“, befindet sich sein Urnengrab.

Links:

(Max Ernst - Biografie)
https://www.bruehl.de/tourismus/mern...enslauf.php

(DADA Köln)
http://www.kulturtussi.de/dada-koeln/

(Surrealisten-Gruppe Paris)
https://de.wikipedia.org/wiki/Surrealismus

(Inselgruppe Sulawesi - früher: Celebes)
https://www.bruehl.de/tourismus/mern...enslauf.php

(Tate Modern, London)
https://de.wikipedia.org/wiki/Tate_G..._Modern_Art

Map-Data:
Max Ernst Museum, Comesstraße 42, 50321 Brühl

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