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Martin Walser und der absurde Vorwurf des (latenten) Antisemitismus

Martin Walser und der absurde Vorwurf des (latenten) Antisemitismus

31.03.2017, 18:21 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es sind schon einige Jahre her, aber setzen wir uns in eine Zeitmaschine und kehren zurück in die Jahre 1998 und 2002.

Jemandem den Antisemitismusvorwurf (ungerechtfertigterweise) anzuhängen, ist ein Totschlagargument, genauso ein Totschlagargument wie Marcel Reich-Ranickis vernichtende Floskel "Jenseits der Literatur", eine Reaktion auf Walsers Roman "Jenseits der Liebe".

1964 war Martin Walser Beobachter der Auschwitz-Prozesse. Er war einer der ersten, oder vielleicht der erste Intellektuelle, der sich überhaupt mit der Schuldfrage auseinandergesetzt hat. Der Begriff »Holocaust« entstammt aus dem griechischen und bedeutet »vollständig verbrannt«, gemeint sind ursprünglich Tieropfer. Unglücklich, mit diesem Wort das Schicksal von Millionen von Juden zu bezeichnen, aber seitdem im Jahre 1978 die amerikanischen Serie "Holocaust- Die Geschichte der Familie Weiß" in vielen Ländern, auch in der Bundesrepublik Deutschland im Fernsehen lief, wird der Begriff nur noch für die Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg verwendet.

Dreizehn Jahre bevor die Serie in Deutschland lief, verfasste Martin Walser seinen Essay »Unser Auschwitz«(1), der Titel schon darauf hinweist, dass Auschwitz uns alle was angeht. Die Kriegsschuld auf einige SS-Chargen abzuwälzen, davon hält Walser nichts. Die Strafen bleiben unangemessen. »Wir scheuen die Anstrengung, Auschwitz als ein sinnloses, nie mehr zu sühnendes Morden in unser Bewusstsein aufzunehmen«, sagt Walser und empfindet es als eine Frechheit, dass Auschwitz mit Dantes Hölle verglichen wird. Ein KZ kann nicht eine christliche Hölle für Sünder sein. Das ist absurd. Da kann ich ihn nicht widersprechen. Martin Walser ging es niemals darum, wegzuschauen und zu verdrängen, aber das wurde ihm irrwitzigerweise nach der Friedenspreisrede 1998 (2) unterstellt. In dieser Rede sagte er:

»Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande. fange ich an wegzuschauen.«

Dieses Wegschauen hat aber nichts mit Verdrängung zu tun. Walser beanstandet die in den Medien entstandene »Routine des Beschuldigens«, die unsere Schuld aber nicht ausmerzen kann. Den Vorwurf des Antisemitismus widerlegt er selber , in dem er vorträgt, kein ernstzunehmender Mensch leugne Auschwitz, kein noch zurechnungsfähiger Mensch deute an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum. Und wenn er das Holocaustdenkmal in Berlin als »Monumentalisierung der Schande« bezeichnet, muss man sich damit beschäftigen, warum er das gesagt hat, damit er nicht fälschlicherweise mit Björn Höcke verglichen wird, der in etwa die gleichen Worte fand. Walser vertritt die Auffassung, jeder ist für sein persönliches Gewissen selbst verantwortlich, darum kann solch ein Mahnmal nicht ein Versuch sein, kollektive Schuld zu tilgen. Darum geht es Martin Walser. Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden" war der einzige, der von den 1200 geladenen Gästen in der Paulskirche keine Standings-Ovations gab. Was Martin Walser 1998 in der Paulskirche vortrug, war an sich nicht neu. Sein Essay »Auschwitz und kein Ende« (3) vom 31. August 1979 begann mit folgenden Worten.

»Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen.«

d.h., die Schuld kann nicht getilgt werden. Darum auch damals schon Walser anzweifelte, die Schuld könne durch Strafprozesse aufgearbeitet werden:

»Es genügt nicht, immer wieder unter der furchtbaren Gewalt dieser Bilder zusammenzuzucken und dann gleich eine Ausflucht ins Gesetz zu suchen.«

Wenn man sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzt, muss man zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, dass der Vorwurf des Antisemitismus an den Haaren herbeigezogen wurde. Es begann mit Martin Walsers autobiografisch - und fiktionalem Roman »Ein springender Brunnen" (4) und mit der Ausgabe des »Literarischen Quartetts« vom 14. August 1998, in dem der schweizerische Literaturkritiker Andreas Isenschmid bemängelte, in dem Roman komme »Auschwitz« nicht vor. Offenbar gibt es Kritiker, die meinen, in jedem Roman, der in den Jahren 1933-45 spielt, müsse Auschwitz vorkommen. Martin Walser folgt nicht dem Wunschdenken dieser Kritiker. Er wollte nur den Roman einer Kindheit schreiben und das hat er getan. Immerhin wird "Dachau" erwähnt, aber dieses Thema war im Hause der Walsers tabu. Es war damals gefährlich, darüber zu reden, bekannte Martin Walser in einem Interview mit Thea Dorn ("Zeugen des Jahrhunderts", s.u.). Martin Walser wusste am Ende des Krieges nicht, wer in Wasserburg Jude war und wer nicht. Niemand kann ihm das zum Vorwurf machen. Am Romanende erfährt Johann, Walsers Alter Ego, dass die Nazis die Bösen waren. Immerhin, am Ende wissen es die Leser. Wenn man zwischen den Zeilen liest, weiß man es auch schon vorher.
Außerdem, und das finde ich richtig gut, beschreitet Walser in dem Kapitel »Das Wunder von Wasserburg« den Bereich der Phantastik und lässt Johannes als Schutzengel auftreten. Dieser Schutzengel-Johannes hat einen Aufsatz in seinem Schulheft, in dem er sich gegen Rassismus stellt.

»Solange die weiße Rasse andere Rassen vernichtet, ist sie etwas Minderes, ist sie schlimmer als jede andere Rasse."("Ein springender Brunnen", vgl. Seite 252).

Das ist eindeutig gegen den Nationalsozialismus gerichtet. Durch den literarischen Trick, in den Bereich der Phantastik überzugehen, gelingt es Walser, aus der Perspektive des Jungen herauszutreten und lässt einen allwissenden Engel auftreten, der die Nazis durchschaut. Johann ist aufgrund seines Alters nicht in der Lage dazu.

Der Gipfel der Gemeinheit des Antisemitismusvorwurfes gipfelte in einem offenen Brief Frank Schirrmachers, damaliger Herausgeber der F.A.Z., der einen noch nicht veröffentlichten Roman Martin Walsers heftig attakierte (5):

»Ihr Roman ist eine Exekution. Eine Abrechnung - lassen wir das Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang an beiseite! - mit Marcel Reich-Ranicki.«

»Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie.«

Literatur als Mordphantasie des Autors? Das ist nun an den Haaren herbeigezogen. Ein Roman ist immer als Fiktion zu betrachten. Walsers Biograf Jörg Magenau bemerkt dazu, »Walser dachte tatsächlich, seine bitterböse Satire über den Literaturbetriebim Zeitalter des Fernsehens könnte Reich- Ranickis Eitelkeit schmeicheln.« (6)

Sicher trägt Marcel Reich-Ranicki einige Züge des im Roman (angeblich) ermordeten Starkritikers André Ehrl-König, aber er ist nicht Marcel Reich-Ranicki. Es handelt sich schlicht und einfach um einen fiktiven Roman. Ach so, es geht um den Roman "Tod eines Kritikers", erschienen 2002 (7) Der Roman ist eine Satire über den Literaturbetrieb. Herrje, Aristophanes verspottete in »Die Wolken« Sokrates, Goethe verspottete Martin Wieland in dem Theaterstück »Götter, Helden und Wieland«. Thomas Mann verwendete in »Der Zauberberg« und in »Doktor Faustus« eine Schar bekannter Zeitgenossen. Gerhart Hauptmann beschwerte sich bei Verleger, weil er sich im Zauberberg als Mynheer Peeperkorn entdeckte. Max Frisch hat seine Frau literarisch ausgeschlachtet, Thomas Hürlimann geht in seiner Novelle »Fräulein Stark«, erschienen 2001, in seine Jugend zurück und irritiert damit seinen Onkel, dem 86 jährigen Prälaten Johannes Duft, der eine Streitschrift gegen seinen Neffen verfasst. Ich habe »Tod eines Kritikers« ein zweites Mal gelesen und halte ihn für Walsers humorvollsten Roman. Natürlich konnte ich an dem hypochondrischen Chauffeur Xaver Zürn aus »Seelenarbeit« (Suhrkamp 1979) auch viel amüsantes abgewinnen und ich halte diesen Hypochonder für eine geniale literarische Figur in einem sehr guten Walser- Roman, doch der »Tod eines Kritikers« schont eben auch nicht die Lachmuskeln und von Antisemitismus keine Spur. Jedenfalls habe ich nichts anstößiges gefunden. Marcel Reich-Ranicki offenbar auch nicht.

»Als Reich-Ranicki annehmen musste, in der Figur eines offenbar satirisch gezeichneten Kritikers in einem Roman von mir sei er gemeint, hat er öffentlich und deutlich gesagt: Dieses Buch sei zwar bemitleidenswert schlecht, aber es sei keinesfalls antisemitisch.« (8)

Quellen:

(1) "Unser Auschwitz", Frankfurter Abendpost, 13./14. März 1965 (zitiert in Martin Walser, Ewig Aktuell, Aus gegebenen Anlass; hrsg. von Thekla Chabbi, rohwolt e-book, 2017)

(2) "Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede" , 06. Oktober 1998 (Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, (zitiert in Martin Walser, Ewig Aktuell, Aus gegebenen Anlass; hrsg. von Thekla Chabbi, rohwolt e-book, 2017)

(3) zu finden in: Martin Walser, Ewig Aktuell, Aus gegebenen Anlass; hrsg. von Thekla Chabbi, rohwolt e-book, 2017

(4) Martin Walser, "Ein springender Brunnen", Ungekürzte Buchgemeinschafts-Lizenzausgabe der Bertelsmann Club GmbH, 1999 (Erstausgabe erschien 1998 bei Suhrkamp)

(5) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2002, Nr. 122 / Seite 49 "Lieber Martin Walser, Ihr Buch werden wir nicht drucken"

(6) Jörg Magenau: Martin Walser, eine Biografie, rowohlt digitalbuch, August 2011, Seite 527

(7) Martin Walser, "Tod eines Kritikers" Suhrkamp, 2002

(8) Die Zeit, 26. September 2013, "Ich bin ihm nahe" (Walsers Nachruf auf den Tod von Marcel Reich-Ranicki, (zitiert in Martin Walser, Ewig Aktuell, Aus gegebenen Anlass; hrsg. von Thekla Chabbi, rohwolt e-book, 2017)

1 Kommentar

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Klasse geschrieben Martin- Herr Walser geht über die Sprache hinaus.
Die Bewertungskluft zwischen dem Geschehen und Gemeinten- ließ seine inneren Konflikte wunderbar zum lebendigen Wort auf verewigten Papier werden.
  • 03.04.2017, 19:05 Uhr
  • 0
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